Am 1. März sprach Frl. Gertrud Prellwitz...

Am 1. März sprach Frl. Gertrud Prellwitz, Schriftstellerin aus Berlin, im Schwurgerichtssaal über das Problem von Liebe und Mütterlichkeit im Leben der modernen Frau. Der Vortrag hatte unter der allgemeinen Vortragsmüdigkeit zu leiden, der Besuch war ein recht schwacher; aber auch die Ausführungen der Dame waren recht schwach. Wir glauben kaum, daß Fräulein Prellwitz durch ihre Vorträge der Frauenbewegung neue Freunde werben wird, ja wir behaupten sogar kühnlich, daß sie der Bewegung durch ihre konfuse und theatralische Art schadet. Das Lachen war an diesem Abend mit vollem Rechte auf der Seite der Männer. Frl. Prellwitz behauptet, daß seit Jahrtausenden die Entwicklung der Frau falsche Bahnen gegangen sei; das Verhältnis der Geschlechier habe sich verschoben; jetzt mache die Natur Anstrengungen, es wieder ins Gleichgewicht zu bringen; das Resultat davon ist die Frauenbewegung. Die Frau erwacht zum Individuum. Die ersten Frauenrechtlerinnen, die rücksichtslos die Schranken durchbrachen, sie hatten volle Befriedigung. Später, als die geistig arbeitende Frau erwacht, erwacht von neuem aüch ihre Frauennatur, sie leidet darunter, daß sie auf Liebe und Sinnlichkeit verzichten muß. Besonders die armen Lehrerinnen hätten manchen harten Kampf auszukämpfen, bis sie so weit seien, in dem Manne nur den Kollegen zu sehen. Die arme einsame Frau muß kämpfen gegen Liebe und Mütterlichkeit, aber sie hat eine höhere Aufgabe: sie muß neue Ideale gebären, Mutter sein allen Pflichten des Lebens und allen Menschen auf ihrem Wege. Einsam wird die erwachte Frau; aber das ganze Leben wartet auf Liebe und Mütterlichkeit. Die erwachte Frau leidet naturgemäß mehr; auch für die verheiratete Frau fangen die Konflikte an, wenn ihre Seele erwacht; die Frau wird einsam auch in der Ehe.

Neue Zürcher Zeitung, 4. März 1904. Online

Letzte Ãnderung: 16. Februar 2022