Wirklichkeitskunst

Dieser Aufsatz wurde zwar schon 1907 geschrieben, aber er ist als Notruf gegen den öffentlichen Zeitgeist auch heute noch nicht veraltet. Und wenn Fidus’ Worte auch im Grunde die Ideen der neuesten Expressionisten schon vorwegnehmen, so zeigt doch ein Vergleich z. B. seiner eigenen Art mit der irgend eines dieser Neuesten, wie sehr Theorie und Praxis voneinander abweichen können, oder wie weit deutsche Seelenkunst und internationale Spielereien oder meinetwegen auch ehrliche Stammeleien voneinander entfernt sind. Wird das Gefühl des deutschen Volkes nach seiner "Verselbständigung" nun besser zu unterscheiden lernen zwischen echt und eitel, zwischen volklich und klüngelhaft? (März 1919. "Der Türmer")

Wirklichkeitskunst

Fast zu keiner Zeit hat das Wirken wahrhaft schaffender Künstler, auf der Ebene des Sichtbaren, mehr unter der Feindlichkeit der öffentlichen Meinung, heutzutage der Presse, gelitten als eben heute. Und deshalb war es auch nie so nötig, daß sich die Werteschaffenden bisweilen energisch wehren gegen die Bevormundungen, Verleumdungen, Herabdrückungen, wenn nicht Verheimlichungen, «in
denen sich manche Wertebemessenden und öffentlich Stempelnden
gefallen. Man kann ja die Wirkung des herrlichsten oder wenigstens
ernst-problematischsten Kunstwerks mit Worten und Witzen ver-
nichten, selbst wenn es vor Augen ist, wieviel mehr aber, wenn es
dem Volke erst durch Geschäfts- und Parteischranken hindurch zu-
gänglich ist und innerhalb dieser schon von vornherein gerichtet wird-
Welcher schaffende Künstler ist denn in der praktischen Lage, sein
Werk unbedingt vor die foentlichkeit zu bringen, oder gar die Ver-
suche eines Strebens, das über kleine und immerhin verwertbare
Einzelwerke hinausgeht, das vielmehr unser Gesamtdasein sichtbar
schöner gestalten möchte. Gerade diejenigen Künstler, die noch einen
Hauch von der Forderung Schillers, nein, aller bessern Geister ver-
spüren, die also gar keine individuellen Schrullen, sondern einen
volksfreundlichen, gesunden Jdealismus, kurz in Wahrheit künstle-
rische, deutsche »Tradition« haben, müssen sich bis zum Ekeln immer
wieder von der Presse und Ausstellungsverbänden die tendenziöse-
sten Terrorismen der zeitweilig herrschenden EintagssKunstanschaus
ungen gefallen lassen. Wahrlich ein Riese —- oder ein Kapitalist —
muß der sein, der das überdauert und seiner Art — der einzig
berechtigten ,,Tendenz« —- treu bleibt nnd doch noch ein wenig
durchdringt. Welch doppelt starker Charakter, gewiß auch als Künst-
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Letzte Ãnderung: 11. April 2022